Fazit der letzten Wochen in Afrika

Jetzt bin ich schon über 2.5 Monate in Südafrika, ich weiß nicht ob es mir viel länger oder viel kürzer vorkommt... Aber ich finde eigentlich, dass ich schon viel länger bin, viel länger von zu Hause weg. In den letzten Wochen hatte ich erst so richtig das Gefühl angekommen zu sein. Ich wage es schon zusagen, hier mein zweites zu Hause zu nennen, denn ich fühle mich immer noch total wohl und habe mich auch schon an fast alles gewöhnt. 

 Davor habe ich mich doch mehr als Tourist gefühlt. Jetzt ist es natürlich immer noch so, dass ich gerne viel unternehme, aber es ist eben auch der Alltag eingekehrt und manchmal bleibt man eben auch mal einen oder zwei Tage zu Hause, guckt DVDs, hört Musik, macht gar nichts. Oder erinnert sich  selber daran, dass man eben auch Wäsche waschen, Zimmer aufräumen und putzen, kochen muss.. Das gehört jetzt auch dazu. Mehr oder weniger cool..


Seit knapp einer Woche bin ich jetzt ganz alleine im Zimmer. Davor haben wir hier noch zu dritt in dem relativ großem 4er Zimmer gelebt, jetzt sind aber beide Mädels abgereist und ich hab erstmal sturmfrei :-D Auf der einen Seite bin ich froh, dass ich jetzt wirklich mal Privatsphäre habe und zur Ruhe kommen kann. Ich kann mich jetzt richtig ausbreiten und abends so lange einen Film schauen oder das Licht anzulassen, wie ich möchte.. Erinnert mich schon fast wieder an mein zu Hause in Deutschland :-D Man ist hier nun mal immer in Gesellschaft und nie alleine, da freut man sich wenn man in sein Zimmer kommen kann um Abzuschalten. Auf der anderen Seite aber ist es auch komisch im Zimmer immer alleine zu sein, weil ich es halt die letzten 2.5 Monate gewohnt bin, mir mein Zimmer zu  teilen.. Jedoch zieht bald wahrscheinlich eine andere Volontärin zu mir, dann bin ich nicht mehr ganz so alleine, da freu ich mich aber auch schon wieder drauf  :-D


Ansonsten habe ich mich hier auch eigentlich sehr gut eingelebt. Ich habe mich daran gewöhnt, dass es in der Wohnung nicht immer sehr sauber ist und es sehr chaotisch zugeht. Es ist halt sehr schwierig sich eine Küche und ein Wohnzimmer mit knapp 15 anderen Freiwilligen zu teilen, wo dann nicht jeder direkt sein Geschirr wegspült, mal den Tisch abwischt oder neues Toilettenpapier ins Badezimmer stellt.. Das waren dann immer so Sachen über die ich mich, aber auch andere Freiwillige, immer aufgeregt habe und die mir gar nicht gefallen haben. Ich wohne ja jetzt nun mal hier, und da möchte ich mich auch wohl fühlen, wie zu Hause eben, sauber, aufgeräumt und so weiter..

Wir haben ein großes Whiteboard im Wohnzimmer stehen, wo man immer etwas ran schreiben kann.. Des Öfteren schreibt jemand ‚Wascht euer Geschirr!‘, ‚Wer hat den Herd so dreckig hinterlassen?‘, ‚Wechselt die Mülltüte wenn die andere schon voll ist.‘ und so weiter.. Natürlich ist es immer ziemlich ärgerlich, wenn man selber seine Sachen spült, wegräumt und alles sauber hinterlässt und es dann andere nicht tun.. Wir haben auch einen Putzplan, an den sich mehr oder weniger gehalten wird… Öfters haben wir hier aber auch große Putzaktionen, wo dann alle mithelfen müssen und wirklich die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt wird.. Da macht es dann sogar etwas Spaß zu Putzen, weil dann wirklich alle mithelfen und es danach wie im Paradies aussieht (was aber nicht für allzu lange andauert:-p) Aber naja, das Leben ist zu kurz um sich jeden Tag aufs Neue über so etwas aufzuregen und schlechte Stimmung zu haben. Da ich mein Zimmer immer schön aufräume und fege, fühle ich mich hier nur umso wohler und freue mich auch immer, hier zu sein. Und ich stehe ja auch nicht 24 Stunden in der Küche ;-) so weit kommt’s noch..


Ich arbeite immer noch auf Night Shift, was sich aber bald ändern müsste.. Ich hoffe es zumindestens inständig! Normalerweise arbeiten die neuen Volontäre die ersten drei Monate immer auf Night Shift und dann wechselt man automatisch in Day Shift. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, auf der Arbeit die (meiste) Nacht wach zu bleiben und dann um 7 Uhr morgens wieder ins Bett zu gehen, wo andere Leute aufstehen müssen :-D Es ist eigentlich ganz in Ordnung. Ich arbeite immer von 20.30 Uhr bis 7 Uhr oder in den Ferien von 19 Uhr bis 7  Uhr. Wenn ich unter der Woche komme, sind meistens die Kinder schon im Bett, am Wochenende dürfen sie dann auch mal länger aufbleiben und wir gucken einen Film. Während der Nachtschicht lese ich viel, manchmal nehme ich meinen Laptop mit um  einen Film zu gucken, einen Blogeintrag zu schreiben oder Fotos anzuschauen. Internet habe ich hier ja nur auf dem Handy. Zwei, dreimal muss ich dann immer einen Jungen aufwecken, der ansonsten in sein Bett macht, und auf die Toilette bringen.. Das macht auch nicht immer Spaß, denn er versucht sich dann immer zu wehren, hält sich am Bett fest, tritt um sich, schreit mir irgendetwas auf Afrikaans entgegen, was ich natürlich nicht verstehe :-D Aber ich kann es natürlich auch verstehen, dass man nicht alle drei Stunden aus dem Tiefschlaf geweckt werden will um zur Toilette zu gehen…


Ich arbeite immer noch in Haus 11 und 12, dort leben 24 Jungen im Alter zwischen 8 und 14. Mittlerweile kann ich von ihnen alle die Namen auswendig und habe sie auch schon ins Herz geschlossen. Manche Kinder mag ich mehr, andere weniger. Aber das ist ja auch ganz normal :-P In den letzten Wochen hatten wir zweimal eine Woche Ferien.. also die Kinder hatten Ferien, nicht ich :-D Da waren dann gut die Hälfte der Kids bei Familie oder Bekannten. Da die Jungs am anderen Tag natürlich nicht früh aufstehen mussten, naja die meisten waren trotzdem schon um 6 Uhr hellwach…, ging es erst spät ins Bett. Wir haben dann abends immer DVDs geguckt, jeden Tag, jeden Abend bestimmt 3 verschiedene Filme. Einmal habe ich meine DVD ‚Der König der Löwen‘, die ich von Mama zum Geburtstag bekommen hatte, mitgebracht.. Wir haben alle kräftig bei den Songs mitgesungen :D


Auf der einen Seite haben die Kinder hier schon ein sicheres und behütetes Leben. Aber auf der anderen Seite wird mir auch immer wieder bewusst, wie glücklich man sich schätzen kann, wenn man bei seiner Familie aufwachsen kann.. Die  Kinder werden  hier alle gleichbehandelt; egal ob  Junge oder Mädchen, 8 oder 16 Jahre alt.. Alle haben unter der Woche um 21 Uhr im Bett zu liegen und dürfen dann auch nicht mehr aufstehen. Das finde ich etwas übertrieben. Natürlich ist es auf der einen Seite gut, dass es Regeln gibt, an die sich die Kinder halten müssen und sie wissen, dass sie nicht alles machen können worauf sie Lust  haben.. Auf der anderen Seite wird aber auch gar kein Unterschied bezüglich der verschieden Altersgruppen gemacht..

Es interessiert sich auch niemand dafür, ob die Kinder morgens und abends ihre Zähne putzen.. Das merke ich natürlich, da ich die Kinder abends ins Bett bringe und morgens wieder aufwecke.. Ehrlich gesagt, habe ich es bisher noch nie gesehen.. Bei den kleineren Kids (2-7) wird darauf mehr geachtet, die größeren Kinder sind auf sich selber gestellt und in dem Alter meiner Jungen… da interessiert man sich nicht für Hygiene.. Als ich einmal einen Jungen vor dem Schlafengehen ins Badezimmer schleppen wollte um mit ihm die Zähne zu putzen, war ich echt geschockt.. Nach 1 Minute  war er schon fertig und meinte, dass er noch nie so lange seine Zähne geputzt habe.. Das war dann auch das erste und letzte Mal^^


Es sind dann auch die kleinen Dinge, die mir auffallen, dass sie in dem Leben der Kinder fehlen. Außer DVDs gucken, gibt es für die Jungs am Abend keine Alternative. Und da wir nur wenige Filme haben, werden manche Filme schon zum hundertsten Mal angeschaut. Niemals wird ein Spieleabend gemacht, etwas gelesen oder gemalt, es gibt wirklich nur ungesundes zum Naschen, sei es Chips, Schokolade, Gummibären oder Popcorn, alles nochmal mit zwei Esslöffeln Zucker übergossen.. Kein leckeres Obst oder Gemüse, keinen Salat.. Ein anderer Grund warum die Zähne der meisten Kinder so gelb sind…

Ich habe mir vorgenommen in der nächsten Zeit mehr mit den Kindern zu machen, ich habe mir schon eine To-Do-Liste gemacht. Ich möchte mal einen Kuchen backen, Crepes machen, Spiele spielen, basteln, lesen, auf den Spielplatz gehen u.v.m.. Es gibt schon vieles, womit man den Kindern eine Freude bereiten kann.


Was einfach richtig auffällig, aber auch nervig,  ist, dass die Kinder alle denken, dass wir Freiwillige reich wären. Ich muss mich immer daran erinnern, in ihrer Anwesenheit lieber nicht mein Handy, meinen I-pod oder meine Kamera herauszuholen.. Sie wollen dann immer direkt damit spielen, reißen es einem schon fast aus der Hand und denken, dass ich  mir zur Not locker ein neues Elektrogerät kaufen könnte. Ich kann auf der einen Seite auch verstehen, warum sie so denken. Sie bekommen an die 3 Euro Taschengeld im Monat und wenn man sich überlegt wie teuer so ein Smartphone ist, ist das schon der totale Luxus. Aber auf der anderen Seite nervt es auch, immer zu erklären, dass ich nicht ‚reich‘ bin, zumindest für die durchschnittlichen deutschen Verhältnisse, dass obwohl wir Freiwillige alle ein Handy, eine Kamera, einen Ipod, einen Laptop besitzen, wir von so weit weg hier her reisen können, wir shoppen gehen, uns Urlaub und Ausflüge leisten können, wir trotzdem nicht ‚reich‘ sind.. Aber doch, sind wir! Wir verwöhnten Europäer, Deutsche, sind (nicht alle natürlich) verdammt reich, wenn wir uns eine Wohnung, Essen, Kleidung leisten können.. Die meisten von uns wissen es nur einfach nicht. Ich habe es bis dato auch noch nicht wirklich erkannt..


Was die Freiwilligen angeht, es ist gerade Abreisezeit für ganz viele Volontäre, die schon letztes Jahr im Sommer gekommen sind. Viele Leute, die ich sehr gerne mag und mit denen ich mich gut verstehe, müssen jetzt gehen :( Das ist echt total schade und sehr traurig! Aber es wird wohl ab Juni/Juli wieder ein Haufen neuer Volontäre kommen und dann sind wir wieder mehr. Momentan sind wir an die 25 Freiwillige, am Anfang waren wir ca. 40.. Das ist schon ein Unterschied :-D


Die letzten Wochen waren eher ganz chillig, ich hatte vorletzte Woche Geburtstag, was wir sehr schön gefeiert haben, und habe eine Freundin für drei Tage in Kapstadt besucht. Aber manchmal war auch einfach mal Zeit für einen Ruhetag ;-) Ich lese hier jetzt wieder sehr viel, ich habe hier ja viel Freizeit, oder eben auch auf der Arbeit genügend Zeit, und bin froh, dass wir hier so viele Bücher in den Schränken haben, die wir uns nehmen können. Dass ich die Wäsche größtenteils mit der Hand wasche, ist für mich auch gar kein Problem mehr, ich glaube das wird eher wieder eine Umstellung zu Hause alles in die Waschmaschine zu stopfen :-D Ich fahre hier auch regelmäßig Auto, was mir totaaaal viel Spaß macht! Ich habe mich total schnell an den Linksverkehr gewöhnt und ich fahre schon viiiiel sicherer (und schneller..) als am Anfang! Mit einem Auto kommt man hier einfach viel mehr rum und es ist unkomplizierter als mit Minibus und Zug unterwegs zu sein.. auch wenn das immer wieder ein Abenteuer ist.


Das einzig Negative ist, dass ich immer so viel Geld ausgebe, aber nicht weiß wofür :-D Vieles ist hier einfach um einiges günstiger als in Deutschland und so läppern sich die Ausgaben ziemlich schnell.. Ich muss aber auch zugeben… Ich war in letzter Zeit auch oft shoppen, weil die Klamotten hier einfach sooo hammer sind! :D Ansonsten gebe ich auch viel Geld für Essen aus und die Ausflüge.. Aber naja, ab sofort werde ich ein bisschen sparsamer sein und dann passt’s schon.. Ich bin ja in knapp zwei Wochen für fast einen Monat im Urlaub… durch Südafrika reisen mit Baz Bus.. yeeeaaah! <3


Aber ja es gefällt mir immer noch sehr gut hier und ich genieße jeden Tag, mit den Kindern, mit meinen Freunden. Alleine die letzten 2.5 Monate waren schon eine unvergessliche und wunderbare Zeit hier, und ich habe ja noch soo viel vor mir :) Ich bin so froh  hier zu sein und diesen Schritt gewagt zu haben, es gibt momentan keinen anderen Ort, an welchem ich sein will. Ich habe schon sehr viele tolle Menschen kennengelernt, viele positive Eindrücke gewonnen, schon viel unternommen und erlebt, aber auch schlechte Erfahrungen gemacht, Heimweh gehabt.. Aber das gehört alles dazu und ich weiß jetzt schon, dass ich nicht mehr als die gleiche Melissa zurück kehren werde, als jene die ich war, als ich gekommen bin...

Folgender schöner Spruch bringt es kurz und knapp auf den Punkt:


                                    ‚I came to change Cape Town, but Cape Town changed me.‘

Kommentar schreiben

Kommentare: 0